Schaumburger Wochenblatt, 21.7.2010
RINTELN (km). Bis zum Ende dieser Woche findet in Rinteln eine "Schnupper-Universität" für angehende Studenten statt. Was mancher der jungen Gäste vielleicht bis dato nicht wusste: Von 1621 bis 1810 beherbergte die Weserstadt die einzige lutherische Volluniversität Nordwestdeutschlands.
Gründer der Universtität war Graf Ernst III. von Holstein und Schaumburg (1601-1622), der, trotz der beginnenden Unruhen des Dreißigjährigen Krieges, dafür vom römischdeutschen Kaiser in Wien offiziell autorisiert worden war. Als "Katalysator" für das kaiserliche Wohlwollen flossen 100.000 Gulden - die dem Grafen zudem den Reichsfürstentitel bescherten. Als Standort wurde das seit 58 Jahren ungenutzte Gebäude des ehemaligen Klosters St. Jakobi am heutigen Kollegienplatz ausgesucht. Die feierliche Eröffnung fand am 17. Juli 1621, am Tag des zwanzigjährigen Regierungsjubiläums des Fürsten, statt.
In der Anfangszeit hatte die neue Universität allerdings zunächst große Probleme. Nicht nur, dass ein halbes Jahr nach der Gründung Gönner Fürst Ernst verstarb: Nur wenig später erreichte der Dreißigjährige Krieg die Grafschaft Schaumburg. Vor dem Hintergrund von Kriegsdrangsalen, Pest und Inflation sank die Zahl der Professoren von anfangs 21 auf nur noch vier im Jahr 1640. Nach dem Krieg erlebte die Universität ihre Blütezeit. Bekannte zeitgenössische Gelehrte wie Heinrich Ernst Kestner, Herrmann Zoll, Peter Musäus oder Andreas Heinrich Bucholz zählten zu den Dozenten. Die Professoren und Studenten waren von Steuern, Militärdienst und Einquartierung befreit und unterstanden nicht der städtischen Gerichtsbarkeit. In den vier Fakultäten (Medizin, Theologie, Philosophie und Jura) bildeten im Schnitt 12 bis 15 Professoren 100 bis 150 Studenten, davon 37 Stipendiaten, aus. In 189 Jahren wurden insgesamt 159 Professoren und 5000 Studenten gezählt.
Am zehnten Dezember 1809 wurde die Universitäten Rinteln und Helmstedt durch ein Dekret von Napoleon-Bruder Jérôme aus Kostengründen geschlossen. Bibliothek, Instrumente und Archiv wurden der Universität Marburg vermacht. 1817 zog das neu gegründete königliche Gymnasium (Ernestinum) in die Räume ein. Seit 1875 fielen die Gebäude der ehemaligen Universität mit ihrer zum Teil bis in das 13. Jahrhundert zurückverfolgbaren Bausubstanz dem Bauboom der Gründerzeit des wilhelminischen Reiches zum Opfer. Die einzigen heute noch existierenden Belege bestehen aus mehreren Fotografien, dem Kataster von 1747, sowie Bauzeichnungen von 1754, die es allerdings nur ansatzweise erlauben, Grundriss und Aussehen der Universitätsgebäude zu rekonstruieren.
Der heutige Vorplatz der seit 1659 evangelisch-reformierten Jakobi-Kirche, im Winkel zwischen Pfarrhaus und Kirche, lag, ebenso wie die Rückseite der heutigen Mittelschule, zu Zeiten des Klosters und später der Universität im Inneren des klösterlichen Kreuzganges. Bei den Nachgrabungen musste vor einigen Jahren gewärtigt werden, dass vermutlich der gesamte Bereich des Klosterhofs am Ende des 19. Jahrhunderts "aufgemischt" wurde: Die historischen Dokumente der Vergangenheit Rintelns wurden beim Neubau des Pfarrhauses, der Verlegung der alten Bleiwasserleitung, der Kanalisierung sowie bei der späteren Pflasterung des Klosterhofes, der Versenkung eines 10.000-Liter-Öltanks oder der Verlegung von Leitungen und Blitzableitern vollständig vernichtet.
Zu dem Universitäts-Komplex gehörten neben dem Hauptgebäude mit zwei Hörsälen eine Bibliothek, ein Instrumentenzimmer, eine Kommunität (Studentenwohnheim und Mensa), ein Anatomie-Raum, ein botanischer Garten mit Gewächshaus, ein Reithaus mit Reitbahn und eine Buchdruckerei. Und last not least gab es da auch noch die "Universitätskommisse", das Schanklokal für Studenten und Professoren sowie der "Karzer", in den die Studenten wanderten, wenn sie - trotz der Befreiung von der städtischen Gerichtsbarkeit - über die Stränge schlugen.